Darf’s ein bisschen Poesie sein? / Lyrik für Einsteiger

29.
November
2015

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Ganz ehrlich: Wer von euch liest Lyrik? Und nein, ein Julia-Engelmann-Video auf youtube zählt nicht!

Lyrik gilt gemeinhin als schwer, langweilig, unverständlich, doof, überflüssig… Man denkt sofort an diese dämlichen Gedichtinterpretationen, zu denen man damals in der Schule gezwungen wurde. Dann läuft es einem sofort eiskalt den Rücken runter, man schüttelt sich, iiiiihhh, nein, Gedichte, bloß weg von mir.

Nun bin ich aber ein Lyrik-Liebhaber mit einer Mission: Ich will zeigen, dass Lyrik eigentlich ganz toll ist.

Das Lesen von Lyrik bringt nämlich durchaus einige Vorteile:

  • die Länge. Liegt auf der Hand, gell? Ein schönes Gedicht ist weitaus kürzer als ein Buch. Selbst wenn man also eigentlich gar keine Zeit zum Lesen hat, ein Gedicht geht immer. Sogar noch kurz vorm Ins-Bett-Gehen.
  • die Sprache. In keiner anderen literarischen Form (ich weiß, hier lehne ich mich weit aus dem Fenster!) kann die deutsche Sprache so ihre Schönheit entfalten wie in der Lyrik. Ist eigentlich auch klar: Wenn ich statt 300 Seiten 25 Zeilen habe, muss ich auf den Punkt kommen und meisterhaft formulieren.
  • die Botschaft. Kann man etwas schöner sagen als mit einem Gedicht? Nein, kann man nicht. Jede Botschaft kann wunderbar verpackt werden.
  • das Leben. In guter Lyrik finden wir einfach unser ganzes Leben wieder.

Ich muss außerdem noch vorausschicken: Geschmäcker sind verschieden. Nicht jede/r Autor/in eignet sich für jeden Leser. Zu manchen hat man einfach keinen Zugang, auch nach Jahren noch nicht. Manche Lyriker haben vermutlich einfach lebenslang das Siegel „doof“. Dann hilft nix Anderes: Finde dich damit ab, leg den Wichser weg und such dir andere Werke zum Lesen. Bis was kommt, dass dich überzeugt.

Ich habe euch aber Lyrik für Einsteiger versprochen. Deshalb möchte ich euch im Folgenden zuerst drei meiner absoluten Lieblingslyriker vorstellen, zu denen man meiner Meinung nach auch leicht Zugang finden kann. Und, mindestens genau so wichtig: Ich sage euch auch, von welchen Autoren ihr besser zuerst mal die Finger lassen sollt.

START(1)

Joachim Ringelnatz

E wurde zwar durch seine Tiergedichte berühmt, ist aber dennoch alles andere als ein Dichter für Kinder. Sicher ist er einigen von euch im Kindergarten oder in der Grundschule begegnet, vielleicht mit einem Vers wie diesem:

„In Hamburg lebten zwei Ameisen/Die wollten nach Australien reisen./Bei Altona auf der Elbchaussee/Da taten ihnen die Beine weh/…/So will man oft und kann doch nicht/Und leistet dann recht gern Verzicht.“

oder wie diesem:

„Es bildete sich ein Gemisch/ von Stachelschwein und Tintenfisch…“

Klar, diese Reime können auch wunderbar Kinder zum Lachen bringen. Aber, seid ehrlich, Erwachsene doch auch! Außerdem finde ich selbst im größten Ulk steckt immer viel Tiefsinn.

Joachim Ringelnatz kann aber viel mehr.

Eines meiner All-time-Favourites ist das Privat-Telegram:

„Unsere Kasse darf leer sein.

Doch dein Herz darf nicht schwer sein.

Unsrer beiden Herzen mögen schwer sein

Durch gemeinsames Mißgeschick.

Aber keine Stunde zwischen uns darf liebeleer sein.

Denn ich liebe dich durch Dünn und Dick.“

Ich liebe diese wunderbare, einfache, klare Sprache mit ihren wunderbaren Wortfindungen (liebeleer) und ihren Aussagen, die einfach dauer gültig sind. Wer weiß, vielleicht würden Herr Pralino und ich ohne diese ersten beiden Zeilen des „Telegrams“ noch immer an der Ostsee unser unglückliches Dasein fristen?!?

In einem anderen meiner Lieblingsgedichte wird der Dichter durch ein erntereifes Gemüsebeet schmerzhaft an die Abwesenheit seiner Frau erinnert:

„Bei uns ist das Gemüse reif.

Meinst Du, daß ich das allein

Esse?…“

Ja, Ringelnatz ist auch eine super Inspirationsquelle, wenn man mal einen Liebesbrief schreiben möchte 😉

Na, hab ich euch schon überzeugt?

Mascha Kaléko

Eine andere Dichterin, die ebenso klar Alltagssituationen in Worte fasst, ist Mascha Kaléko. Kaléko und Ringelnatz waren übrigens Zeitgenossen, wenn auch Kaléko – typisch Frau – um einiges länger lebte. Literaturhistorisch sind beide der neuen Sachlichkeit zuzuordnen. (Bestimmt lehne ich mich durch diese Aussage wieder weit aus dem Fenster, denn da könnte man bestimmt diskutieren und Gegenargumente einwerfen, aber ich bleibe jetzt erstmal bei dieser Behauptung. Ist für’s Lesen ja eigentlich auch unwichtig.)

Von ihr lesen kann/soll man auf jeden Fall das Lyrische Stenogrammheft. Telegram bei Ringelnatz, Stenogramm bei Kaléko, bereits ein kleiner Hinweis darauf, dass es kurz und schnörkellos zugeht. Dennoch steckt auch das Stenogrammheft voller Weisheiten, die aus Alltagsbeobachtungen gezogen werden.

Teilweise sind diese herrlich selbstironisch, wie im Interview mit mir selbst:

„Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten

Ich aber trat leider nur ins Büro.

/…“

Texte von Kaléko gibt es vielfach vertont auf youtube oder auf CD, ich habe aber noch keine vertonte Version gefunden, die ich empfehlen könnte. Weder auf youtube noch auf CD 🙂

Ann Cotten

Zu guter Letzt möchte ich euch noch eine Lyrikerin der letzten Stunde vorstellen. Sie lebt sogar noch, haha, würde ich jetzt fast sagen, aber das ist socially bestimmt total inappropiate.

Womit wir schon mitten im Stil von Ann Cotten wären: Einer Mischung aus deutsch und englisch. Kann man mögen, muss man aber nicht. Ich finde sie witzig und zeitgemäß. Gleichzeitig ironisch, denn wir alle wissen, dass deutsch schon lange nicht mehr nur deutsch ist. Diese sprachliche Mischung hat ihren Ursprung übrigens in den deutsch-amerikanischen Wurzeln der Autorin.

Über ihr Bändchen Florida-Räume bin ich 2010 auf Frau Cotten aufmerksam geworden.

Bevor ich weiter reden, wieder ein paar Verse:

„In Witzen wohnte ich und in Milchkaffee…“CLOSED

oder aus Whiskey, im Gegenteil:

„Gestrandet on the rocks of this Getränk,

von dem kaum etwas übrig ist als Reste

des Grunds, warum ich es zu trinken anfing:

ich war nicht anders als am Vortag aufgewacht:

der Whiskey ging mir aus und ich, ich machte weiter.“

Diese kurzen Verse reichen schon aus, um euch zu zeigen, dass auch die Poesie Ann Cottens ganz nah an unserem Leben ist.

Das haben alle drei vorgeschlagenen Autoren gemeinsam.

Es hat außer meinen persönlichen Vorlieben übrigens gar keine Gründe, dass sich ein Mann und zwei Frauen in meinen Empfehlungen befinden. Genau so wenig Gründe gibt es für die Auswahl und die Länge der Zitate – weniger Verse heißen nicht weniger Liebe. Bei Kaléko finde ich dieses eine Beispiel nur so völlig aussagekräftig und damit ausreichend.

Gute Lyrik zeigt uns wirklich alle Facetten unseres Lebens. Klick um zu Tweeten

Ich bin auch davon überzeugt, dass bei Liebeskummer eine Lyrik-Kur zur Heilung beitragen würde 😉

Schreckgespenst Lyrik

Nun aber zu denen, an die ihr euch nicht wagen solltet. Es gibt sie tatsächlich, die AutorInnen, die die Lyrik zum Schreckgespenst machen.

  • Expressionistische Gedichte sind meiner Meinung nach nix für Einsteiger. Sie strotzen vor Bildern, Metaphern, Abstraktionen. Lasst also leiber die Finger von Trakl, Laske-Schüler, Lichtenstein, Benn und Heim.
  • Barock. Iiih, ich persönlich hasse Barock. Die Motive dahinter finde ich gut – Carpe Diem, Memento Mori und so – aber ich kann mit dieser schwulstigen Sprache nichts anfangen. Aber wirklich auch so gar nichts. Damals war Regelpoetik der Trend, weshalb auch alles in Sonette gepresst wurde. Noch mal ein lautes Iiiiihhhh! Am schlimmsten finde ich Martin Opitz und Gryphius.
  • Rilke.
  • Holocaust-Lyrik. Den Begriff habe ich zwar glaub ich grad erfunden, aber ein Gedicht wie Paul Celans Todesfuge muss nicht sein. Ja, als fortgeschrittener Lyrik-Leser solltest du dich irgendwann dran machen, als Einsteiger hat das aber null Sinn.

Wenn du weiterlesen willst:

Die Ringelnatz-Bändchen gibt es leider nicht einzeln. Du kannst dir also entweder eine Gesamtausgabe zulegen (wie ich) oder mit dieser Sammlung anfangen, die den wunderbaren Titel Ich bin so knallvergnügt aufgewacht trägt. Bei Mascha Kaléko sage ich ganz eindeutig: Fang mit dem lyrischen Strenogrammheft an! Bei Ann Cotten nimm dir am besten die Fremdwörterbuchsonette vor, die fand ich besser als die Florida-Räume.

Was sagt ihr zu meinen Vorschlägen?

Könnt ihr mit Ringelnatz, Kaléko und Cotten was anfangen?

(Die Antwort, die ich jetzt hören will, ist natürlich: „Ja, diese Verse sind so schön, dass ich sie mir sofort auf den Arm tättowieren lassen möchte.“)

Konnte man euch in der Schule auch mit Gedichtinterpretationen jagen? Was würdet ihr auf die Iiiiiiihhh-Liste setzen?

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