Diese zwei Klassiker zeigen dir, wie eine Beziehung NICHT funktionieren kann

24.
Januar
2016

3 Kommentare

Heute möchte ich zwei Klassiker vergleichen. Vielleicht kommt ihr ja so wieder mal auf den Geschmack und wagt euch an einen dieser „alten Schinken“ ran? Oder vielleicht liebt ihr sie sowieso und könnt eine völlig neue Sichtweise entdecken?

Vergleichen möchte ich keine geringeren als Die Leiden des jungen Werther, eines der bekanntesten und beliebtesten Goethe-Werke, und Schillers Kabale und Liebe.

„Ich war 17 Jahre alt, als Werther erschien. Vier Wochen lang habe ich mich in Tränen gebadet.“ (Ludwig Tieck)

Als Goethes Roman erschien sorgte er für Furore, teilweise war er sogar verboten, da er zu einer erhöhten Selbstmordrate führte. Popstar-Goethe!

Einer der Hauptunterschiede zwischen diesen Werken ist ihre Form: Werther ist als Briefroman verfasst und damit eher leicht zu lesen, wohingegen Kabale ein Drama ist und doch einige Mühe kosten kann. Das lassen wir heute aber mal außer Acht.

Bei uns geht es heute darum, zu sehen, wie eine Beziehung nicht funktionieren kann, seien die Gefühle auch noch so groß. Lerne also aus den Fehlern der anderen 🙂

Bei uns stehen Werther und Ferdinand im Mittelpunkt. Beide jung, schlau, in einer adäquaten gesellschaftlichen Position, beide Hals über Kopf verliebt.

Die Liebe, – ach!

Werther rennt seiner Lotte hinterher, schmachtet sie an: Lotte ist sein Engel, seine wunderschöne Himmelsfigur. Rührend kümmert sie sich um ihre Geschwister und versüßt mit ihren wenigen Besuchen unserem Werther das Leben. Er kann an gar nichts anderes mehr denken. Lotte bestimmt sein Denken. Die wunderschöne, engelsgleiche Lotte.

„Wie ich mich unter dem Gespräche in den schwarzen Augen weidete! wie die lebendigen Lippen und die frischen muntern Wangen meine ganze Seele anzogen! wie ich, in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen sie sich ausdrückte!“

Ferdinand hat auf den ersten Blick mehr Erfolg bei seiner Traumfrau: Luise hat ihn erhört und die beiden pflegen eine heimliche Affäre. Sie muss heimlich sein, denn Luise kommt aus einer einfachen Bauersfamilie und Ferdinand ist adlig. Ferdinand ist aber so in seine Luise vernarrt, dass er das tun möchte, was sich jede heimliche Geliebte wünscht: Mit ihr durchbrennen, in ein neues Leben starten, in dem es nur sie beide gibt. Luise hängt zwar sehr an ihrer Familie, doch wäre bereit, diesen Schritt für Ferdinand zu tun. Für Ferdinand gibt es nichts Anderes, er braucht nichts:

„Du, Louise, und ich und die Liebe! – Liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? Oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?“

FerdinandWerther

Glücklich, wer liebt!?

Werther schmeißt mit wunderbaren Worten um sich, er glüht vor Verehrung. In seinem Kopf wird die Liebe und die Beziehung zu Lotte immer größer und immer mächtiger. Jedes Detail wie eine gemeinsame Liebe zu einem Schriftsteller bauscht er auf, sieht es als Zeichen.

Ferdinand weiß Luises Zweifel an einer Flucht abzuwiegeln:

„Ich fürchte nichts – nichts – als die Grenzen deiner Liebe“

Was steht für ihn auch auf dem Spiel? Er verlöre einen Vater, den er hasst, und flöhe vor einer erzwungenen Hochzeit mit Lady Milford. Doch Ferdinands Liebe ist absolut und sie gehört nur Luise. Selbstverständlich wissen die Spitzel am Hof alles, auch ihre heimliche Affäre ist schon lange nicht mehr heimlich. Die gemeinsame Flucht muss verhindert werden! Der Zweifel in Ferdinand wird gesät: Liebt ihn seine Luise etwa gar nicht?

Aber die anderen…

Auch Werther wird mit der Realität konfrontiert, als seine Lotte Albert heiratet. Werther selbst kennt ihn  und hält ihn für einen guten Mann. Aber Lotte gehört doch ihm! In der Hitze des Augenblicks schnappt er sie, küsst sie… Doch statt Liebesglück: Enttäuschung, Schmach, Schande. Keine Lotte! Sie, die einzige auf der Welt, die er will, die ihn versteht!

Ferdinands Zweifel werden immer mächtiger. Luise, die kleine Schlange! Sie liebt ihn nicht! Wie kann sie ihn nur zurückweisen! Blind und rasend vor Eifersucht übersieht er, dass alles nur eine Intrige ist. Luise gehört ihm, nur ihm!

„Verloren! Ja, Unglückselige! – Ich bin es. Du bist es auch. Ja, bei dem großen Gott! Wenn ich verloren bin, bist du es auch! – Richter der Welt! Fodre sie mir nicht ab. Das Mädchen ist mein. Ich trat dir deine ganze Welt für das Mädchen ab, habe Verzicht getan auf deine ganze herrliche Schöpfung. Laß mir das Mädchen. – Richter der Welt! Dort winseln Millionen Seelen nach dir – Dorthin kehre das Aug deines Erbarmens – Mich laß allein machen, Richter der Welt! Indem er schrecklich die Hände faltet. Sollte der reiche, vermögende Schöpfer mit einer Seele geizen, die noch dazu die schlechteste seiner Schöpfung ist? – Das Mädchen ist mein! Ich einst ihr Gott, jetzt ihr Teufel!“

Ohne meine Liebe kann ich nicht leben!

Werther bringt sich um.

Ferdinand bringt Luise um. Aus Eifersucht, Zorn, Wut. Erkennt seine Fehler nicht.

Beide Beziehungen waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt!

In beiden Beziehungen ging es nie um die Person hinter der Idealvorstellung. Ob nun die Person selbst zu einer Idealvorstellung wurde wie Werthers Lotte oder Ferdinands Idealvorstellung von Liebe, die er Luise wie einen Stempel aufdrückte.

Beide Männer interessierten sich einfach nicht für die Person an ihrer Seite.

Sie waren sich selbst am wichtigsten. Konnten keine Kompromisse eingehen oder ehrliche Gespräche suchen und führen.

Beide steigerten die Liebe bis ins Unermessliche, verehrten ihre Damen – ohne zu bemerken, dass sie darübe bereits ihre Mädchen verloren.

Lotte war immer schon mit Albert verlobt. Werther klammerte sich an wenige gemeinsame Momente und steigerte sich in eine Vorstellung hinein, die es in der Realität nie gegeben hatte.

Ferdinands schrecklicher Monolog spricht mit der Seele eines Wahnsinnigen. Er dreht durch, bezeichnet sich zugleich als Gott und Teufel, als derjenige, der über Luises Leben entscheidet. Luise war nie seine gleichberechtigte Partnerin, sie war sein Spielzeug.

Sicher – das Leiden beider Männer ist echt. Ihr Schrei nach Liebe auch. Sie begehen typische „Anfängerfehler“!

So vermeidest du diese Fehler

  • Sehe deinen Partner niemals als deinen Besitz
  • Schätze ihn als das eigenständige, selbstständige Wesen, das er ist
  • lass ihm seine Freiheit(en)
  • lass dir deine Freiheit(en)
  • Nutze deinen Partner nicht als Projektionsfläche für deine Idealvorstellungen
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3 Kommentare

  • Jasmin says:

    Liebe Anne,
    du schreibst so viele tolle Posts, ich bin jedes Mal sprachlos 🙂
    Dieser hier gefällt mir wieder besonders gut, weil ich es eine super Idee finde, wie du unsere Klassiker mit der heutigen Zeit in Relation setzt.
    Ich finde es ein total spannendes Thema, wie die Gesellschaft bzgl. Beziehungen früher funktioniert hat und wie sie heute funktioniert.
    Deine Ratschläge sind auf jeden Fall sehr gut und gerade was die offenen Gespräche angeht, da muss ich dir voll und ganz zustimmen 🙂
    Viele liebe Grüße, liebe Anne
    Jasmin

  • Anne says:

    Hallo Jasmin,
    manchmal bin ich ja ziemlich froh, dass die Gesellschaft heute ganz anders funktioniert – hätte glaub beim Intrigieren voll abgeloost 😛
    Freut mich, dass es dir gefällt und du gerne wieder kommst 🙂 🙂 🙂

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