Los, lass uns in fremde Welten fliehen!

12.
Dezember
2015

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Du brauchst festes Schuhwerk, eine Regenjacke, eine Bauchtasche und deinen Reisepass. Funktionsklamotten sind auch gut – du musst für alles ausgestattet, für alles bereit sein.

Du hast alles? Dann gehts los!

Wir springen nach Amsterdam. Dort flanieren wir durch die Sträßchen, bestaunen die Kanälchen und lachen über die windbeutelschiefen Häuser, sie sich aneinander schmiegen. Wir lassen es uns richtig gut gehen und am Abend gehts auf die Rassel. Zur Einstimmung haken wir uns ein und ziehen schmunzelnd und heimlich angeekelt durchs Rotlichmilieu.

Nun aber ab ins Bett! Wir brauchen all unsre Energie für den nächsten Tag!

An der Côte d’Azur wachen wir auf.

Es ist herrlich warm und nach dem anstrengenden Tag gestern wollen wir nun ein bisschen am Strand chillen und uns die Sonne auf die weißen, lebkuchenrunden Bäuche strahlen lassen. Abends gibts Kir Royal und eine große Auswahl am Meeresfrüchtebüffet. Hui, wie exotisch! Diese Art von Schnecke hast du noch nie gesehen! Keiner kann  dir so recht erklären, was das eigentlich für ein Lebewesen ist – die Franzosen weigern sich, englisch zu sprechen und dein Französisch wiederum geht nicht über je m’appelle hinaus.

Die stinken, die Franzosen, denkst du, den Abend verbringen wir besser auf Malle! Dort ist Ballermann, dort wird deutsch gesungen und es gibt Schnitzel und Bier. Wir machen Party bis zum Umfallen.

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Spanien gefällt uns.

Tapas hab ich noch nie im Original gegessen, also beamen wir uns nach Madrid. Wir erwarten Flamenco-Klänge und hübsche Frauen in wahnsinnigen Kleidern, die durch die Straßen schweben. Wir werden enttäuscht, aber immerhin erweitert sich unser spanischer Wortschatz, weil so viele auf uns zukommen und eine kleine Unterhaltung mit uns starten. Wir haben einen lustigen Tag und abends gehts endlich in die angesagteste Tapas-Bar der Stadt. Musik in der Luft, die Melodie der Stimmen dazu – unser ganz eigener Soundtrack.

Wir warten auf unsre Tapas und kommen mit einem englischen Pärchen ins Gespräch. Die beiden leben schon ne ganze Weile in Madrid, sagen sie. Erst zum Studium, jetzt arbeitet er hier und sie möchten auch gerne bleiben. Leider gibt es in Madrid viele Deutsche, sagt sie. Sie wisse gar nicht, was die hier wollen? Die sollen doch zu Hause bleiben bei ihrer Gründlichkeit und ihrem Hitler. So oft kann man doch gar nicht putzen, damit man es einem Deutschen recht machen kann. Klick um zu Tweeten

Wir wissen beide nicht, was wir sagen sollen. Eine Diskussion starten? Sie vom Gegenteil überzeugen?

Sorry, wir sind zum Spaßhaben da!

Die Tapas haben wir inzwischen verköstigt, also hüpfen wir zurück nach Frankreich – Paris, du Stadt voller Liebe, du ewige Liebe! In Montmartre tanzen wir uns die Füße platt. Am nächsten Tag auf dem Boulevard Haussmann werden neue Schuhe gekauft, gute natürlich! Tanz- und museumsgeeignet. Kultur muss auch mal sein und den Eiffelturm kennen wir schon. Also verschlägt es uns in den Invalidendom, in dem Napoleons Gebeine ruhen und, wo wir schon mal in der Ecke sind, ins Résistance-Museum.

Wie war das mit dem Spaßhaben? Irgendwie ist das hier nicht drin. Die Wände und Vitrinen als stumme Zeugen der Grausamkeiten, die von Deutschen begangen wurden. Die Heldentaten der Résistance-Mitglieder, die nicht selten Leib und Leben riskierten. Du erinnerst dich an die kahlgeschorenen Soldatenliebchen – Frankreich ging alles andere als zimperlich mit diesen Frauen um. Wir unterhalten uns nicht mehr. Keinem von uns will ein Wort über die Lippen kommen. Nicht, weil wir uns in Museen immer so ehrfürchtig verhalten. Nein, wir wollen nicht als Deutsche erkannt werden.

Schnell raus.

Nur noch durch die Eingangstür und dann… Da kommt der Kartenverkäufer auf mich zu. Ein älterer Herr und in einem deutsch-französischen Kauderwelsch spricht er mich auf meine deutsche Herkunft an. Ich schüttle nur den Kopf, zucke die Achseln und tue so, als ob ich nichts verstehe. Nee, echt, ich will hier nicht als Deutsche enttarnt werden. Ich will einfach nur dazu gehören! Was kann ich dafür, was irgendjemand aus meinem Land irgendwann mal gemacht hat oder jetzt gerade macht?

Fuck Europa, denken wir uns, bloß weg hier! Den Groove auf den Madrider Straßen haben wir vermisst, also ab nach Buenos Aires. Dort wird sowieso viel besser getanzt!

Wir freunden uns schnell mit ein paar jungen ArgeninierInnen an, die wir in einem Konzert kennen lernen. Sie sind neugierig: Wo wollt ihr als nächstes hin? Wir wissen es noch nicht so richtig, aber Südamerika gefällt uns ganz gut. Sie freuen sich, nicken wissend und erheben den Zeigefinger: Südamerika, jaa, unbedingt, aber bloß nicht Bolivien! Die Bolivianer sind dreckig und stinkig und eklig! Niederes Volk! Die will man nicht kennenlernen!

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Später, im Hotel.

Du guckst mich an. Du möchtest unsern Trip gerne abbrechen.

„Weißt du“, sagst du, „was soll man machen? Es ist doch überall das Gleiche: Entweder sind wir die Dummen oder die anderen. Immer wird über die anderen gemeckert.“

Ich verstehe, was du meinst. Warum es dich frustriert.

Dabei ist dieses Verhalten doch so natürlich: Jede Gesellschaft braucht einen Sündenbock. Erst durch die Definition des Anderen, des Fremden kann sie sich selbst definieren. Das bestimmte schon die Antike: Ohne Ab- und Ausgrenzung keine eigene Identität. Oder noch viel schlimmer: Wir fallen dann über „die eigenen Leute“ her.

Dieses Sündenbock-Prinzip hat zu mehr als einem Krieg geführt Klick um zu Tweeten

zu mehr als einer Unstimmigkeit zwischen Leuten gesorgt, die eigentlich die besten Freunde hätten werden können.

Ich will dir keinen Vortrag halten, also sage ich nur: „Nein, wir machen weiter. Wir geben nicht auf. Und wir werden auch nicht mehr die Klappe halten.“

Wir sind alle fremd. Immer und überall. Nur das unsere Definition des Fremden und des Anderen sich immer wieder verschiebt…

Dieser Artikel schließt sich an den gestrigen an, in dem ich „Wir müssen verstehen“ erklärt habe.

Nächsten Dienstag geh ich nochmal ein bisschen genauer auf das Fremdsein ein.

Und er stimmt ein auf nächsten Samstag: Da werden Reiseblogger von ihrer Erfahrung mit dem Fremden berichten.

Bis dahin würde ich gerne wissen: Wann hast du dich fremd gefühlt? Wann hast du über andere gemeckert und die Vorurteilskeule geschwungen? Hast du dich dafür geschämt?

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