Mein Goethe und ich

13.
März
2016

8 Kommentare

Goethe gehört auch zu den Klassikern, die die meisten aus der Schule kennen und den die meisten hassen. Hoffentlich lehne ich mich damit nicht zu weit aus dem Fenster, also spreche ich einfach mal nur für mich: Ich habe Goethe in der Schule gehasst! Meist habe ich die Goethe-Lektüren nicht einmal gelesen und hab auch gerne Fehlstunden dafür in Kauf genommen (damals konnte man noch Stunden schwänzen, ohne dass ein riesen Theater gemacht wurde). Ich fand seine Werke einfach unerträglich: Und mit so einem Mist wurde dieser Stricher berühmt??? Schließlich habe ich dann eine totale Verweigerungshaltung eingenommen und jeden Goethe von Anfang an verurteilt.

Dann kam das Germanistik-Studium

Wie man auf die Idee kommt, Germanistik zu studieren, wenn man Goethe hasst, dass müsst ihr meine jugendlichen Hirnwindungen fragen. Natürlich dachte ich, ich könnte ihn vermeiden. Falsch gedacht, konnte ich nicht. Sozialer Druck entstand: Wer intellektuell was auf sich hielt, konnte mitdiskutieren, wenn über den Faust gesprochen wurde. Oder über den Werther.

Mein erster Versuch: Ich belegte ein Seminar bei einem ausgewiesenen Goethe-Experten-Prof über die Wanderjahre. Ich versuchte, die Wanderjahre zu lesen und fand sie s-t-e-r-b-e-n-s-langweilig. Ja – ich habe sie gehasst und ich habe sie nicht zu Ende gelesen. Viele Wochen des Seminars beschäftigten sich mit der ersten Seite und der erhabenen Natur. Fand ich nur schrecklich. Laut meiner Mitbewohnerin war nur der Westöstliche Diwan noch schlimmer als die Wanderjahre.

In mehreren weiteren, allerdings unbeobachteten Selbstversuchen wollte ich endlich den Faust bewältigen. Ich scheiterte unzählige Male. Und ich HASSTE ihn.

Mein Studium währenddessen lief wunderbar ohne Goethe, ich befasste mich mit Popliteratur und der Literatur der 68er-Studentenrevolte – übrigens bis heute eine meiner großen Leidenschaften, diese Zeit. Und sogar mit Fotografie und dazugehörigen Essays. In der Moderne hatte ich es mir ziemlich bequem gemacht.

Goethe und ich

Das böse Erwachen

Tja, irgendwann musste ich dann das Studium abschließen. Was ich nie bedacht hatte: Im Examen muss man ein Themengebiet der klassischen Literatur wählen, zur Auswahl standen Goethe, Schiller – ihr wisst schon, der Beziehungsprofi! – und Kleist.

Zu Kleist hatte ich eine ähnliche Abneigung entwickelt wie zu Goethe. Dieser blöde Kohlhaas und diese dämliche, aufgezwungene Gerechtigskeitsfrage, gar nicht mein Fall! Deshalb kann ich übrigens auch sämtliche Ferdinand-von-Schirach-Texte nicht lesen, echt nicht. Ich hasse es, Moral auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.

Ich entschied mich für Goethe, weil zufällig im Semester ein passendes Seminar angeboten wurde, Goethes Dramen. Immerhin würde ich nicht alle Literatur selbstständig recherchieren müssen. Dramen konnte ich auch nicht leiden, aber gut.

Mein Aha-Moment

Und dann in diesem Seminar machte es klick. Ich liebte das erste Drama: Lila. Es war eines von Goethes ganz frühen Werken und eine Auftragsarbeit für den Weimarer Hof. Lila lebt in einem Park am Schloss, hat sich ganz bewusst aus dem höfischen Raum ausgegliedert und hat starke Todessehnsucht. Geister und Feen tanzen und spielen eine zentrale Rolle. Hört sich verrückt an, ist es irgendwie auch. Richtig ausgefallen und fancy, gar nicht das, was ich vom drögen Langweiler Goethe erwartet hatte.

So viel Zeitgeist spielte in dieses Stück hinein: Eigenheiten der höfischen Gesellschaft werden ganz nebenbei porträtiert, die Kluft zwischen Fantasie, Wissenschaft und Scharlatanie, teilweise im Gegensatz zur Aufklärung…

Nach und nach verliebte ich mich in jedes weitere der durchgenommenen Stücke, ein weiteres sehr unbekanntes frühes Drama ist Proserpina. Vielleicht kennst du diese Dame aus der griechischen Mythologie? Sie ist in einer Höhle gefangen und klagt. In einem ganz kurzen, auf den ersten Blick einfachen Text packt Goethe Revolutionäre hinein: Die Gattungsfrage bleibt unbeantwortet, der Bezug zu Bibel und Mythologie wird offen gehalten und doch wieder nicht, Jahreszeiten und Räume spielen wie auch bei Lila eine wichtige Rolle. Dass ein Wechsel des Raums tatsächlich nötig sein kann und eine unglaubliche Wirkung haben kann, wurde mir erst da bewusst.

Mit der Iphigenie verließen wir langsam die kleinen Dramen und Auftragsarbeiten und landeten bei einem bekannten klassischen Werk. Ich hatte richtig Angst, wieder nichts zu verstehen, doch es lief schon viel besser. Dass es am Ende kein Opfer gibt, fasziniert mich bis heute. (Hui, also zu dieser Sache könnt ich einen gesonderten Post schreiben, bestimmt ewig lang. Richtig spannend! Lasst mich wissen, wenn es euch interessiert!)

Und der Faust?

Um den Faust machte ich weiterhin einen großen Bogen. Zum Glück war er nicht Teil des Seminars. Leider musste ich ihn für mein Examen auf die Lektüreliste schreiben und musste so damit rechnen, zu ihm befragt zu werden. Ein Kumpel half mir mit seinen Auszeichnungen aus der Oberstufe und ich lernte sie auswendig so gut es ging. Ich las den Faust tatsächlich zweimal durch, allerdings ohne irgendetwas davon verstanden zu haben. Zum Glück wurde mir keine einzige Faust-Frage gestellt!

Irgendwann las ich ihn noch einmal, ohne Erwartungen und nur für mich. Langsam und mit viel Verständnis für mich: Ach, nicht schlimm, dann verstehst du ihn eben nicht. Und irgendwie machte es klick, ich kam langsam dahinter. Viele Teile verstehe ich bis heute nicht und den Faust 2 habe ich noch nie angerührt. Er steht aber auch nicht im Regal. Bisher ist es also auch nicht geplant, obwohl ich den Faust 1 mittlerweile sehr gerne mag.

(Ja, ich weiß, dass viele behaupten, der Faust ist ohne den zweiten Band nicht komplett! Ich will trotzdem nicht! Bisher langt mir Teil 1!)

Goethe und ich heute

In der Zwischenzeit hab ich auch anderen Goethe-Werken noch weitere Chancen eingeräumt. Viele weiß ich sehr zu schätzen, viele immer noch nicht. Du siehst, ich habe über zehn Jahre gebraucht, um eine einigermaßen stabile Beziehung zu Goethe zu finden. Die Zeiten haben sich geändert und ich weiß, dass wir heute noch mehr noch schneller konsumieren und verstehen wollen. Trotzdem lohnt es sich, sich auch Klassiker zu schnappen und ihnen einfach die Zeit zu geben, die sie brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten.  Selbst wenn du für deinen Goethe auch zehn Jahre brauchst, probier es!

Diese Goethe-Werke kann ich dir empfehlen:

  • Lila und Proserpina kann ich dir sehr ans Herz legen. Leider gibt es beide nicht extra, sondern nur in dieser Gesamtausgabe.
  • Die Leiden des jungen Werther – nicht nur, wenn man gerade Liebeskummer hat! Ich habe ja auch hier schon einmal darüber geschrieben.
  • Iphigenie auf Tauris, die du hier in einer Text mit Kontext-Ausgabe findest. Vielleicht mach ich demnächst ja wirklich mal einen Iphigenie-Post – was hältst du davon?
  • und eigentlich auch den ersten Teil von Faust – aber sei geduldig 😉

Was ist „dein Goethe“? Wie hältst du es mit dem Lesen schwieriger Werke oder generell mit Klassikern? Sind sie vielleicht nur Leichen in deinem Bücherregal?

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8 Kommentare

  • Thomas says:

    Hi,

    schon, wie Du Du deine fehlende Lust beschreibst, den Schinken von Goethe zu lesen. Genauso hab ich mich gefühlt, als ich mich in der Oberstufe durch den Stechlin (Fontane) quälen sollte.

    Hehe, ich denke Goethe ist im Studium so wichtig, um das Götz-Zitat richtig anzuwenden. Goethe war für mich immer ein richtiger Frankfurter, der mit viel Herzschmerz seine Literatur durchlebt hat. Im mündlichen Abi war er dann auch meine erste Wahl, Prometheus, Sturm und Drang… war schon okay.

    Viele Grüße Thomas

    • Anne says:

      Hi Thomas,

      ui, Fontane. Den find ich auch richtig schlimm, wobei ich Frau Jenny Treibel sogar mal aus freien Stücken gelesen hat. Aber mit dem Stechlin kannst du mich jagen!
      Den Prometheus verstehe ich bis heute nicht wirklich. Kein Witz! Du? Sturm und Drang geht ja sonst ganz gut, Werther und Herzschmerz…

      Grüßle, Anne

  • Jasmin says:

    Liebe Anne,
    früher auf dem Gymnasium war Deutsch eines meiner absoluten Lieblingsfächer und ich war ein richtiger Streber in diesem Fach.
    Durch mein Studium habe ich meine Ader zur Literatur leider verloren und auch jetzt im Arbeitsleben habe ich rein gar nichts damit zu tun.
    Schade irgendwie.
    Liebe Grüße
    Jasmin

    • Anne says:

      Hallo Jasmin,
      was hast du denn studiert? In Freiburg sind doch auch die Geisteswissenschaften ziemlich bekannt, oder?
      Faust müsstest du zwar nicht unbedingt lesen, aber sonst wirklich schade. Immerhin musst du nicht zu viele Bücher umziehen 😉
      Weißt du noch, was ihr damals in der Schule gelesen habt?
      <3 Anne

  • Thomas says:

    … ich bin mir auch nicht sicher, ob ich Prometheus je richtig verstanden habe. Das finde ich aber nicht schlimm, denn man kann immer etwas neues entdecken. Viele Grüße Thomas

  • Alice Wunder says:

    Klassiker find ich super, so lange man sie nicht lesen muss… Nein, quatsch, also Deutschunterricht ist und war dazu da, jungen Leuten die Lust aufs Lesen zu verleiden. Da verschwenden die nur ihre Zeit, könnten selbstständig denken lernen und dabei Hirnschmerzen bekommen. Glücklicherweise hatte ich kein Deutsch-LK und deshalb in der Jugend gerne viel gelesen. Aber keine deutschen Klassiker, eher Südamerikaner, bißchen Russen. Der Faust, also I ist mir dann erst irgendwann im Studium begegnet. Ich weiß nicht mal mehr in welchem Medium, ob als Hörbuch im Auto oder am Bildschirm mit Herrn Gründgens oder doch in Farbe. Das, womit ich mit berieseln ließ, fand ich durchweg unterhaltsam, heiter, locker flockig. Nicht ganz so nonchalant und weltgewand wie Shakespear, aber hübsch. Allerdings wunderte ich mich: Klar, die Geschichte ist nicht fertig erzählt. Und ich hatte das Gefühl, ich kannte jede Zeile, weil das Ding schon komplett und doppelt und vierfach durchzitiert ist. Mein Fazit: Wer einigermaßen bewußt Deutsch spricht, braucht den Faust nicht mehr zu lesen. Unsere heutige Sprache IST Faust mit ein bißchen Luther vielleicht, wenn’s ums Rülpsen und Furzen geht. Ansonsten gilt immer: Bedecke deinen (X)immel, Zeus…

    • Anne says:

      Oh, Südamerikaner! Die hab ich ja fast vergessen! Was magst du am liebsten?
      Die Fassung mit Gründgens find ich sogar noch besser als das Stück lesen. Hast recht, diese ganzen Zitate! Jetzt sollte ich mir wohl wirklich dämlich vorkommen, weil ich ihn trotzdem so schlecht verstanden hab 🙁

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