#schreibzeit: Demut

10.
Oktober
2015

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Bei der neuen Schreibzeit-Aktion von Bine geht es um ein recht schweres Thema: Demut.

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Was fällt mir zu dem Thema ein?

Zunächst mal etwas, das vorderrangig gar nichts damit zu tun hat: Zu Unizeiten hatte ich einen guten Freund mit Nachnamen Demuth. Ich hatte ihn über gemeinsame Freunde kennengelernt. Zunächst trafen wir uns hauptsächlich auf Parties. Demuth war immer dafür verantwortlich, uns anderen heil nach Hause zu bringen und passte auch immer auf, dass keiner mal verloren ging 😉 Er trank selten und wenn, dann wenig. Trotzdem verließ er – mit uns im Schlepptau, versteht sich – keine Party zu früh. Und fröhlich war er sowieso immer. Es war Sommer. Damals, in diesem ersten Sommer, machten wir auch oft die Nächte durch. Im Morgengrauen marschierten wir dann gemeinsam nach Hause. Demuth liebte den Sonnenaufgang. Er steckte uns an mit dieser Liebe. Selten fühlte ich mich so leicht wie in diesen Momenten, auf diesen Heimwegen, still und ehrfürchtig die aufgehende Sonne betrachtend, so wie Demuth es mochte.

Die anfängliche Partyfreundschaft entwickelte sich weiter: Gemeinsam saßen wir unsere Tage bei der Recherche für Hausarbeiten in der Uni-Bib ab, gönnten uns immer mal wieder einen Kaffee und einen Schwatz. Donnerstags hatten wir einen festen Termin, komme was wolle: Um zwölf trafen wir uns bei Demuth zum gemeinsamen Mittagessen. Jede Woche beschloss ein anderer, was gekocht wurde, eingekauft wurde gemeinsam. Selbst in prä-Smartphone-Zeiten organisierte Demuth sein Leben digital: Auf seinem Computer hatte er eine Liste mit kochbaren Gerichten und den dazugehörigen Zutaten. Selbst erstellt, versteht sich. Um sich immer gesund ernähren zu können.

Unser Leben ging weiter, wir wurden älter, waren im Examensstress oder im Ausland unterwegs. Neue Gesichter tauchten auf, in unserer Gruppe und außerhalb. Wir hatten Dates und wurden enttäuscht; wir hatten Dates und enttäuschten andere. Die Diskussionen und der Austausch mit Demuth wurden trotz allem intensiver, die Themen manchmal schwieriger. Wir hielten trotzdem zusammen, die Donnerstagstreffen waren ein festes Ritual.

Unsere Studienzeit ging dem Ende zu. Wir wussten, dass wir in alle Himmelsrichtungen verstreut werden würden. Wir fürchteten uns nicht. Ich war mir sicher: Wir würden noch oft zusammen wach bleiben, bis die Wolken wieder lila werden. Demuth würde sich um uns kümmern und uns den Sonnenaufgang bestaunen lassen. Wir waren sorglos. Demuth sprach es aus: „Ich denke, wir schaffen es nicht, nach der Uni noch befreundet zu sein. Das hält nie!“ Wir lachten ihn aus und waren weiterhin sorglos.

Neue Partner kamen und blieben. Mit ihnen zogen wir in die Welt, verstreuten uns in alle Himmelsrichtungen. Der Kontakt wurde immer weniger. Das Handy ging kaputt, ich verlor all meine Nummern. StudiVZ war auch kein Kommunikationsmittel mehr. Doch ich war beschäftigt und in der Welt unterwegs.

Und während ich nun hier schreibe und an Demuth und die alten Freunde denke, wünsche ich, ich hätte es nicht so weit kommen lassen. Ich wünschte, ich hätte mich um sie bemüht. Ihnen geschrieben, als die Handynummer verloren ging. Oder einfach mal bei ihren Eltern angerufen und nach der Nummer gefragt. Oder warum nicht einfach an der letzten bekannten Adresse auftauchen? Nun ist es dafür zu spät.

Hätte ich Demut gezeigt, hätte ich diese Menschen nicht als selbstverständlich angesehen. Hätte ich Demut gezeigt, hätte ich ihren Wert in meinem Leben zu schätzen gewusst. Diese Fehler mache ich nicht noch einmal. Und jetzt werde ich gleich mal versuchen, Demuths Eltern ausfindig zu machen und sie nach ihm zu fragen. Denn für Demut ist es nie zu spät, finde ich.

 

HINWEIS:

Dieser Artikel erschien bereits am 09.04.2015 auf meinem alten Blog hundertzeiten.de

Das waren eure Kommentare dazu:

  • frostedwalnut.blogspot.de am 24.08.2015: Wunderschöner Beitrag, ich weiß genau was du meinst:)
  • Nina von cherisheachday.de am 12.04.2015: So ein schöner Post Anne! Mir geht es bei vielen „früheren“ Bekannten und Freunden so. Einige habe ich tatsächlich über die Seite “ Stayfriends“ wieder gefunden, andere nicht. Ich drücke Dir die Daumen dass Du fündig bist.
    Mir gefällt Dein Schreibstil. Danke und liebe Grüße, Nina
  • Henrike von becki-design.blogspot.de am 10.04.2015: Oh ja,! Ich wünsche Dir Erfolg beim Ausfindig machen von Demuth!
    LG
    Henrike
  • Valerie am 10.04.2015: wie recht du mal wieder hast! wunderschöner artikel <3
  • Denise von diegutendinge.blogspot.de am 09.04.2015: achten und aufmerksam bleiben für die Menschen, die einem wichtig sind! da hast du Recht !! sehr schöner Artikel ! herzliche Grüße Denise

Danke für eure bisherigen Kommentare, ich freue mich über jeden einzelnen immer noch 🙂

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