Was Satire, Meinungsfreiheit und Böhmermann mit Myanmar zu tun haben

22.
April
2016

4 Kommentare

Am Flughafen stöberte ich im Bücherladen und stieß auf einen (zu) großen Bildband mit der Lady Aung San Suu Kyi auf dem Cover. Eine meiner All-time-heroines, klar hab ich ihn mir angeschaut! Sie steht aufrecht da, trägt schicke Kleidung, schaut direkt in die Kamera, mit Stolz im Blick. Ihre rechte Hand zeigt mit der Handinnenfläche nach vorne, ebenfalls in die Kamera. Darin steht der Name eines jungen politischen Gefangenen, ebenfalls Mitglied der NLD.

Stummer Protest

Mit diesem Foto will die Lady auf ihn aufmerksam machen, der Welt und ihm zeigen, dass er nicht vergessen wird, dass man für ihn kämpft. Eine Form des stummen Protestes, gemäß des buddhistischen Prinzips der Angstlosigkeit (abhay).

Doch sie ist lange nicht die einzige, die dieser Bildband porträtiert, alle Fotografierten in der gleichen Position, die rechte Handinnenfläche beschriftet. Sie alle protestieren, erinnern an die politischen Gefangenen.

Damit gehen sie immer noch ein Risiko ein, auch wenn die politische Situation in Myanmar sich nun deutlich entspannte. Denn: Sie haben keine Angst. Sie nehmen in Kauf, vielleicht verfolgt, eingesperrt, beobachtet, drangsaliert zu werden.

(Nur einer der Gründe für meine tiefe Liebe zu Burma: Die Menschen sind aufrecht.)

Abhay

Meinungsfreiheit

Die haben wir hier in Deutschland, abgesichert durch das Grundgesetz. Von entsprechenden Paragrafen, die diese einschränken, haben wir in der letzten Zeit alle genug gehört. Meinungsfreiheit ist einer der Grundpfeiler der Demokratie. In den letzten Jahren jedoch wurde sie bereits sukszessive in manchen europäischen Ländern eingeschränkt, Ungarn und Polen. Die Türkei legt jetzt nach.

Meinungsfreiheit schließt rechte Hetze (generell: menschenfeindliche) und Beleidigung aus. Und das finde ich auch verdammt gut so.

Satire

Nun, Satire ist eigentlich eine der Gattungen, die ich recht vergnüglich finde und gerne lese. Wenn du von Satire keine Ahnung hast, kann ich dir zum Einstieg Tucholskys Deutschland, Deutschland über alles empfehlen. Oder Texte von Max Goldt.

Satire geht zurück auf die Satyrspiele, die im antiken Griechenland drei Tage dauerten, den Satyren gewidmet waren und lustig und spottend sein durften. Kleine, witzige Theaterstücke mit gesellschaftlichem Hintergrund.

Bizarrerweise lese ich nun auf zig Blogs, Wikipedia etc., dass der Begriff vom lateinischen satura kommt, was „eine Schale mit verschiedenen Früchten“ bedeuten soll und auf die Vielfältigkeit der Satire ansprechen soll. Any more Literaturwissenschaftler out there? Die Definition ist mir nämlich in meinen ganzen 12 Semestern LitWiss kein einziges Mal über den Weg gelaufen und ich bin ein kleiner Griechenland-Tragödien-Experte (und habe mich hiermit als Nerd geoutet…).

Die Diskussion, was Satire darf, ist nicht neu. Böhmermann hat sie mit seinem Schmähgedicht wieder angestoßen. Gut, ich mag Diskussionen und Denkanstöße!

Im konkreten Bezug auf das, was Böhmermann gemacht hat, erübrigt sie sich meiner Meinung nach eigentlich: Denn er hat sein Gedicht sozusagen in Klammern gesetzt, immer wieder betont, dass er „etwas Verbotenes“ tue und dieses Gedicht damit zu etwas Künstlichem gemacht. Ich verstehe die ganze Aufregung NULL. Ich meine damit Erdogans und Merkels Aufregung! Und ich finde es verdammt schade, dass Böhmi jetzt Pause einlegt!

Wo ist jetzt der Zusammenhang?

Theoretisch haben wir hier, anders als in Myanmar, Meinungsfreiheit. Dennoch wird Böhmermanns Auftritt vor Gericht beurteilt werden – den man eigentlich nur als wissenschaftliches Experiment werten kann. Wie weit ist also die Grenze zur Oppression noch?

Nun gilt für uns: Abhay.

Zum Weiterlesen und zum Unterschreiben

Wie waren eure Reaktionen, als ihr von Erdogans Reaktion auf Böhmermanns Auftritt erfahren habt? Seid ihr auch Böhmermann-Fans oder kanntet ihr ihn bis dahin nicht?

An Literaturwissenschaftler und alle anderen, die Ahnung haben: Woher kommt diese Früchteschale als Erklärung für Satire???

#dasistnichtmeinland #mundaufmachen

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4 Kommentare

  • Bene says:

    Laut dem Standardwerk von Metzler ist die Herleitung von lat. „satura“ (Fruchtschüssel), die man den Göttern darbrachte, durchaus korrekt, im später übertragenen Sinne als „Allerlei, Vermischtes“; damit konkurriert die von Dir erwähnte Variante einer Herkunft vom Satyrspiel. Kurzum, klingt nach eindeutig unentschieden.

  • Yannick says:

    Ich mag Satire sehr gerne, aber Böhmermann kannte ich bis dato noch nicht.

    Mir persönlich ist es auch egal, was er genau gesagt hat. Wenn mich jemand als Ziegenliebhaber bezeichnen würde, würde ich möglicherweise entgegnen: Das ist wahr und die Ziege war deine Mutter!

    Vermutlich würde ich aber gar nicht drauf reagieren. Oder doch. Ich würde ihm einen Brief schreiben, der nur aus einem Lach-Smily bestehen würde.

    Ja. Ich denke, genau das würde ich tun. Auf jeden Fall würde ich mich nicht lächerlich machen und dann zu Mutti rennen und schreien, dass der böse Böhmermann mich böse beleidigt hat. Das ist totales Kindergartenniveau. Auch schon von Böhmermann selber, ehrlich gesagt, aber das ist keine Entschuldigung für Erdogan, sich selber so kindisch zu benehmen.

    Liebe Grüße
    Yannick

    • Anne says:

      Tja, Kindergarten trifft es ganz gut 😉
      Hab grad auch in der kostenlosen Sonntagszeitung von gestern gelesen, dass die Dresdner Philharmonie aus einem Stück, bei dem es sich um den Genozid in Armenien dreht, das Wort Genozid streichen soll, weil Erdogan das möchte. Scheint kein Ende zu nehmen… Wie im Kindergarten, das trifft den Nagel auf den Kopf!
      Grüßle, Anne

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