Zeitlos, leider: Max Frischs Andorra

13.
Dezember
2015

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Heute ist Sonntag. Das heißt also: Es wird wieder gelesen!

Der heutige Good Reads-Beitrag reiht sich ein in meine kleine Serie, die am Freitag angefangen mit diesem Beitrag über Syrien angefangen hat und am Samstag mit diesem travel-Beitrag weiterging. Am Dienstag folgt noch was aus der Textwerkstatt, bevor dann am Samstag das große Highlight die kleine Serie beendet: Reiseblogger werden euch dann von ihrer Begegbnung mit dem Fremden erzählen. So viel sei schon mal verraten. Ihr dürft auf jeden Fall gespannt sein!

Doch zurück zum sonntäglichen Lesestoff…

Max Frisch, Schweizer Autor der Nachkriegsjahre, entwirft mit seinem Andorra einen engen, abgeschlossenen Raum, der mit dem eigentlichen Andorra zwischen Frankreich und Spanien wenig gemein hat. In seinem Andorra gibt es die Andorraner, brave und tüchtige Leute.

Daneben gibt es die Fremden und mit ihnen Angst und Schrecken. Klick um zu Tweeten

andorra2Deshalb bleibt den Andorranern nichts anderes übrig, als eine verschworene Gemeinschaft zu sein: Es gibt den Pfarrer, den Wirt, den Lehrer, die Fußballspieler, den Doktor… Die meisten kommen ohne Namen aus, stehen sie doch stereotyp für diese Exemplare in unserer Gesellschaft.

Der Jude, vom Lehrer des Dorfes adoptiert, erhält einen Namen: Andri. Er ist verliebt in die Tochter seines Ziehvaters. Andri und Barblin haben schon öfters heimlich eine Nacht miteinander verbracht und möchten gerne heiraten.

Das Problem: Andri ist mittellos. Das andere Problem: Andri ist Jude.

Andri ist anders:

„Seit ich höre, hat man mir gesagt, ich sei anders. Und ich habe geachtet darauf, ob es so ist, wie sie sagen. Und es ist so. Ich bin anders.“

Oberflächlich sind die Andorrander zwar freundlich und aufgeschlossen. Doch geht es um konkrete Gefallen oder gar Handlungen, dann weichen sie zurück und verstecken sich.

Sie verschwinden in der Masse, der eine schiebt die Entscheidung auf den anderen, niemand ist selbst für sich verantwortlich.

„Ich bin nicht schuld, dass es dann so gekommen ist. Das ist alles, was ich nach Jahr und Tag dazu sagen kann. Ich bin nicht schuld.“

Andri wird durch den Dreck gezogen und muss jede Menge Scheiße ertragen. Dass er Barblin nicht heiraten darf, macht ihn fertig und er glaubt den Beteuerungen seines Ziehvaters nicht. Ihm selbst wird unterstellt, eine Schwarze, die auf der Durchreise ist, umgebracht zu haben. Wer soll es auch sonst getan haben?

Andorra wird enden und Andri wird tot sein. Selbstverständlich ohne dass jemand die Schuld an seinem Tod trägt.

Irgendwann erfahren die Andorraner, was war:

„Natürlich hab ich geglaubt, was alle geglaubt haben, damals.“

Das Stück entstand in den Nachkriegswehen und trug dazu bei, die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges zu verarbeiten. Die Zusammenhänge sind schlichtweg offensichtlich.

Umso erschreckender, dass es nichts von seiner Aktualität oder seiner Aussagekraft verloren hat.

Dafür, dass 2020 nicht ein neues Andorra die Bestsellerlisten erobert, tragen wir alle die Verantwortung:

Indem wir lernen, uns eine Meinung zu bilden. Und sie sagen, ganz laut, auch wenn es unangenehm ist. Für die anderen und am meisten für uns selbst. Indem wir die Menschenwürde und die Grundsätze der Demokratie achten und wahren. Indem wir zusammen halten, einander nicht verturteilen. Indem wir nicht andere nicht ausgrenzen.

andorra richtig

Meine Andorra-Ausgabe stammt übrigens noch aus Schulzeiten – damit ist sie bestimmt bald 100 Jahre alt 😛 Vielleicht war mein Ich aus der neunten Klasse ja doch ein Streber…

Auf jeden Fall eine Schullektüre, die sich gelohnt hat! Ich hoffe, ihr habt auch eine gut gebrauchte Ausgabe im Regal stehen. Wenn nicht solltet ihr euch dringend eine zulegen. Ich empfehle euch natürlich die Ausgabe mit Kommentar von Suhrkamp, was sonst???

Na, und jetzt raus damit: Wer kennt Andorra? Was haltet ihr davon? Oder kennt ihr ein Stück, dass eine ähnliche Wirkung hat und von dem ihr auch sagen würdet, dass es zeitlos ist?

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